Das Lernarrangement der etwas anderen Art

Das gewohnte Lernsetting zu verlassen erscheint vielen schwer. Es ist fast schon unmöglich, wenn man ein Mal sein Arrangement gefunden hat und gut damit fährt. Lernen Kommiliton:innen etwas auswendig, so brauchen die Meisten von ihnen Ruhe, Ordnung auf dem Schreibtisch und einen Lernplan mit eingeplanten Pausen. Der/die klassische Medizinstudent:in sitzt vor einem großen Stapel Bücher und Skripte. An der Wand hängen ein paar wirre Plakate, die einem städtischen Kanalisationsplan ähneln und ein Nachschlagewerk liegt auch bereit, um stets auf Nummer sicher zu gehen. Die ein oder andere Onlineplattform bietet audio-visuelle Medien an, aber ansonsten kommt man nicht drum herum sehr viel theoretisch zu arbeiten, zu lesen, nachzuschlagen und erneut weiter zu lesen.

Heute habe ich mich zum Biochemie Lernen in ein Café verzogen. Ich wage ein Experiment und lasse die neue Umwelt auf mich wirken, beobachte das Geschehen und mich selbst.

Photo by Patrick Tomasso on Unsplash

Während ich mich so umsehe beglücken meine Augen viele Farben und Lichter.
Warme Lichterketten, die an der Decke hängen und stylische Lampenschirme auf den Tischen. Die Flammen flackern und man könnte meinen hier innen braust eine Windböe umher. Rechts von mir, in der Ecke auf dem langen Holztisch, steht eine quietschgrüne Pflanze. Ich würde sie gerne freundlich fragen ob sie mit zu mir kommen möchte.
Vorhin habe ich mir eine Ingwer-Orangen Limonade bestellt. Ein paar Pfefferminzblätter schmücken das Glas. Was für ein Farbenfest der Sinne. Zwei junge Frauen unterhalten sich seit einer Weile ausgiebig und mir gefällt die Jacke der einen. Sie ist dunkelgrün, aus einem Cordstoff.

All die Stoffwechselprozesse der Biochemie machen mir schwer zu schaffen. Die Grundprinzipien habe ich verinnerlicht. Die ganzen Enzyme und Reaktionen jedoch tatsächlich auswendig zu lernen, ist was ganz anderes. Ich bin vorhin am Abbau des roten Blutfarbstoffes Hämoglobin hängen geblieben.
Faszinierend welche Farbstoffe wir in uns tragen und wie sie sich umwandeln. Mein Freund kommt nach dem Kampfsporttraining oft mit roten Flecken nach Hause. Die Einblutung verliert von Tag zu Tag zunehmend mehr an Sauerstoff und Flüssigkeit.

Die Hämatome leuchten dann nicht mehr rötlich sondern werden immer blauer. Der rotblaue Farbstoff wird nun zu einem anderen, dem Biliverdin, abgebaut. So entsteht noch ein paar Tage später die dunkelgrüne Farbe. Vergehen weitere Tage, so baut sich dieser Farbstoff wiederum zu Bilirubin ab. Die Verletzungen werden nun gelblich bis braun. Wenn also beispielsweise aufgrund von Krankheiten zu viele Erythrozyten (rote Blutkörperchen) abgebaut werden, so sammelt sich sehr viel Gallenfarbstoff an und der Mensch kann sich von oben bis unten gelb verfärben. Bevor ich mich im Biochemie Chaos verliere, starre ich lieber noch eine Runde ins goldgelbe Kerzenlicht.

Vielleicht bestelle ich mir noch eine Limonade, aber dieses Mal eine Rote! Der kleine Ausflug, weg vom Schreibtisch, hat mich den Lerninhalten und der anstehenden Prüfung näher gebracht. Im Café konnte ich eine Menge semantisch-graphische Verknüpfungen schaffen. Diese helfen mir, Wort- und Satzbedeutungen nicht nur auswendig zu lernen, sondern sie auch zu verstehen und mich an sie zu erinnern. Zu vielen wichtigen Fachbegriffen und naturwissenschaftlichen Vorgängen habe ich nun mehr und mehr Farben, Gegenstände und ganze Bilder im Kopf.

Probier es doch auch mal aus. Gehe hinaus in den Park auf eine Bank, in eine ruhige Ecke im Café oder wechsle zu Hause einfach mal das Zimmer.

Welche Aha-Erlebnisse beim Lernen hast du schon gehabt? Schreib mir und teile deine Erfahrungen mit Anderen.

1 Kommentar

Liebe Tamara, das was ich hier lese inspiriert und macht Lust auf mehr. Einige Aha- Erlebnisse, das ein oder andere Lächeln und Denkanstöße nehme ich mit. Danke dafür!

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