Teil 3: Palliation – die letzte Ummantelung

Als Medizinstudentin verbrachte ich einen Monat auf der Palliativstation.

Ich begann Geschichten zu schreiben. Über all die Momente, die ich dort erlebte. Aber vor allem über die Menschen, die ich dort kennenlernen durfte.

Miss Sai Gon und die Getränkebar

Frau D. war bereits einige Tage auf Station, als wir uns kennenlernten. Sie war eine gepflegte Frau, die viel Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild legte. Schnell wurde mir klar, dass sie nur schwer Hilfe annehmen konnte und gewisse Dinge nicht gerne an mich und das Pflegeteam abgab. Die Kraft fehlte ihr aber zunehmend mehr. Sie war an eine Schmerzpumpe angeschlossen. Das Sekret aus dem Darm floss durch einen künstlichen Darmausgang nach außen und wurde in einem Beutel aufgefangen. 

Auf ihrem Nachtkästchen sammelte sie allmählich Getränkebecher. Wie an einer Bar standen die Getränke aufgereiht dort. Essen behielt sie kaum noch in sich und so waren die verschiedenen, angedickten Flüssigkeiten das Einzige, was sie zu sich nehmen konnte und mochte. Sie hatte genaue Vorstellungen und gab klare Anweisungen. Es dauerte einige Tage bis wir warm wurden miteinander. Auch sie taute auf, als ich mir aktiv Zeit für sie nahm, sie in Ruhe ausreden lies und ihr nicht das Gefühl vermittelte gleich wieder weiter zum nächsten Patienten zu müssen.

Am Ende der Woche duzte sie mich auf ein Mal und trug mehr Bitten an mich heran. Als ich mit der Musiktherapeutin ein kleines Klavier- und Gesangskonzert arrangierte kam sie mit ihrem Mann dazu. Wir spielten als Erstes „Ain´t no sunshine when she´s gone.“ und sie begann zu weinen.

Am Tag danach setzte ich mich eine Weile zu ihr, packte ihren Koffer und sie erzählte mir von den Reisen mit ihrem Mann. Am selben Nachmittag wurde sie nach Hause entlassen. Dort sollte sie erstmal ambulant von einem Pflegedienst versorgt werden bevor ein Platz im Hospiz frei wurde. Die letzten Worte die wir wechselten drehten sich um ihre Reise vor einigen Jahren nach Vietnam. Genossen habe sie die Zeit dort sehr und an ihrem letzten Abend saß sie mit ihrem Mann an der Hotelbar. Es wurde Klavier gespielt und eine junge Dame sang einen bekannten Song.

Sie lauschten „…ain´t no sunshine when she’s gone…“. 

Sie sagte: „Die Erinnerungen an meine Reisen bleiben mir wenigstens noch und diese können mir durch Nichts und Niemanden genommen werden, auch wenn meine Sonne bald untergeht.“

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